Schlittenfahren

November 29, 2007 at 1:14 (life, the universe and everything)

Washing of the water

 

Peter Gabriel

 

 

 

River, river carry me on
Living river carry me on
River, river carry me on
To the place where I come from

 

So deep, so wide, will you take me on your back for a ride
If I should fall, would you swallow me deep inside

 

River, show me how to float
I feel like Im sinking down
Thought that I could get along
But here in this water
My feet wont touch the ground
I need something to turn myself around

 

Going away, away towards the sea
River deep, can you lift up and carry me
Oh roll on though the heartland
til the sun has left the sky
River, river carry me high
til the washing of the water make it all alright
Let your waters reach me like she reached me tonight

 

Letting go, its so hard
The way its hurting now
To get this love untied
So tough to stay with thing
cause if I follow through
I face what I denied
I get those hooks out of me
And I take out the hooks that I sunk deep in your side
Kill that fear of emptiness, loneliness I hide

 

River, oh river, river running deep
Bring me something that will let me get to sleep
In the washing of the water will you take it all away
Bring me something to take this pain away

Ich war am Wochenende bei meiner Tochter. Nach drei Wochen haben wir uns wieder mal gesehen, und dann war nur zwei viel zu kurze Tage Zeit, und übernachtet hat sie bei ihrer Mutter.

Am Sonntag waren wir Schlittenfahren. Das wollte sie unbedingt, nachdem ich es vorgeschlagen hatte – und sie hat sich sogar daran erinnert, dass wir das schonmal gemacht hatten. Hey – das war Ende2005 , da war sie 2 Jahre!?!

Den Berg rauf konnte sie es kaum erwarten, endlich runterfahren zu können. Erste Bedenken kamen ihr, als wir losfuhren: Papa, Du fährst aber nicht zu schnell, ja? – Nein, Süße, ich pass gut auf Dich auf. War das zu schnell? – Nein, aber ich will nicht mehr fahren.

Das macht sie oft: sie will was unbedingt, dann kriegt sie Angst, will es aber trotzdem, und nach dem ersten mal kackt sie ab. Jetzt weiß sie ja, wie es ist. Jetzt kann sie aus der Erinnerung leben. Das ist viel sicherer als den Stress nochmal auf sich zu nehmen.

Scheiße, ich versteh so gut, dass sie so reagiert: wie wenig ist schon sicher in ihrer Welt? Und wieviel Schmerz gibt es? Früh ist die Sicherheit der Liebe ihrer Eltern zerbrochen. Groß und mächtig ist die Sehnsucht danach, dass endlich wieder alles schön ist. Gering ist die Bereitschaft, die Realität wahrzunehmen: zu viel ist es, was dann wehtut. Deswegen schafft sie sich eine Welt aus Erinnerungen: eine Erfahrung einmal zu machen reicht. Einmal Schlittenfahren, einmal vom Beckenrand ins Wasser springen, einmal ein paar Meter ohne Papas Hand schwimmen: schau, ich kanns. Jetzt weiß ich, wie es ist. Und jetzt musst Du wieder da sein und mir Sicherheit geben.

Ist das normal? Ist das richtig? Ist es auf einem guten Weg? Das einzige, was mir als Papa bleibt, ist ihr immer wieder zu zeigen, dass der Schmerz zum Leben dazugehört. Für sie abzuwägen zwischen Sicherheit und Herausforderung. Und wie schön das Leben ist!, aber dass die einzige Chance, die Schönheit zu erleben die ist, alles zu erleben – auch den Schmerz.

Und ich sehe, wie sie versteht. Wie sie kommt, um zu weinen, wenn sie sich nach ihrer Mama sehnt. Und wie sie wieder lachen kann, wenn sie fertig ist mit der Trauer. Es bewegt mein Vaterherz zu sehen, wie sie Tiefe empfinden kann. Wie sie versteht, dass die Tränen wichtig sind, um den Schmerz rauszuwaschen.

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Blood of Eden

November 28, 2007 at 1:17 (life, the universe and everything)

Blood of Eden

 

Peter Gabriel

 

 

 

I caught sight of my reflection
I caught it in the window
I saw the darkness in my heart
I saw the signs of my undoing
They had been there from the start

 

And the darkness still has work to do
The knotted chord’s untying
The heated and the holy
Oh they’re sitting there on high
So secure with everything they’re buying

 

In the blood of Eden lie the woman and the man
With the man in the woman and the woman in the man
In the blood of Eden lie the woman and the man
We wanted the the union oh the union of the woman, the woman and the man

 

My grip is surely slipping
I think I’ve lost my hold
Yes I think I’ve lost my hold
I cannot get insurance any more
They don’t take credit, only gold
Is that a dagger or a crucifix I see
You hold so tightly in your hand
And all the while the distance grows between you and me
I do not understand

 

In the blood of Eden lie the woman and the man
With the man in the woman and the woman in the man
In the blood of Eden lie the woman and the man
We wanted the the union oh the union of the woman, the woman and the man

 

At my request you take me in
In that tenderness I am floating away
No certainty, nothing to rely on
Holding still for a moment
What a moment this is
Oh for a moment of forgetting
A moment of bliss
Oh….

 

I can hear the distant thunder
Of a million unheard souls
Of a million unheard souls
Watch each one reach for creature comfort
For the filling of their holes

 

In the blood of Eden lie the woman and the man
I feel the man in the woman and the woman in the man
In the blood of Eden lie the woman and the man
I feel the man in the woman and the woman in the man

 

In the blood of Eden we have done everything we can
In the blood of Eden, so we end as we began
With the man in the woman and the woman in the man
It was all for the union, oh the union of the woman, the woman and the man

Ich bin grad so oft damit konfrontiert, was so zwischen den Geschlechtern abgeht. Ganz privat in meinem Leben, aber auch beruflich, beratend. Krasses Ding, find ich. Allein, dass es zwei Geschlechter gibt, ist irgendwie der Hammer. Und ganz blümerant wird mir, wenn ich so mitkriege, was die einzelnen Vertreter dieser zwei Geschlechter so mit- und gegeneinander anstellen…

Klar, das hat ne harte Geschichte, das Geschlechterdingens. Es gab nicht einen einzigen Zeitabschnitt auf dieser Welt; nicht ein Volk, nicht einmal einen kurzen Zeitabschnitt in der Geschichte eines einzigen kleinen Völkchens, wo das mal irgendwie auch nur annähernd geklappt hätte mit den zwei Geschlechtern. Einzelne Beispiele, die gabs und gibts. Aber im Gesamten scheint nicht allzuviel Anlass zur Hoffnung zu bestehen…

Also hab ich mich gefragt, was man da machen kann. Is ja mein Job, irgendwie. Weil politisch kann man da nix verbessern, und das wär auch nicht mein Ding, aber… genau, ein Seminar könnt ich doch machen. Scheiße, gibts schon endlos viele, vor allem bei den Christen.

Ja, Seminare gibts schon so viele, vor allem bei den Christen. Dann müssts doch bei den Christen besser laufen, oder? Tuts aber nicht. Und zwar darum: in den meisten dieser Seminare geht es darum, etwas zu erfahren oder zu lernen, was man anders machen kann, damit es besser klappt. Da liegt aber das Problem gar nicht. Wir Menschen sind doch erwiesenermaßen zu jeder Unbequemlichkeit bereit, wenn es darum geht, letztendlich die Bequemlichkeit zu steigern. Und wenn wir was erfahren, was Verbesserung in eine vertrackte Situation bringt, dann tun wir das. Wenn die Situation dann aber vertrackt bleibt, stimmt irgendwas am Rezept nicht. Was also ist der Kern des Problems?

Wie soll Verhaltensänderung erfolgreich sein, wenn Wesensänderung durch Geringhaltung des Selbstverständnisses verhindert wird? Also will ich darüber referieren, wie und wer wir sind; was uns zu dem macht, was wir sind; plastisch muss es sein; Spaß muss es machen; es muss dazu führen, dass man sich und das andere Geschlecht besser verstehen und schätzen kann.

Ich will Seminare machen, soviel ist mir klar geworden. Seminare, die Spaß machen, Inhalt haben und dazu führen, dass Menschen sich selbst besser verstehen. Da hab ich Bock drauf!

… und Buchungsanfragen nehm ich jederzeit entgegen!

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Beschissene kleine Welt?

November 27, 2007 at 2:06 (life, the universe and everything)

Ich hab neulich Corinna Hafner getroffen. Auf einem Spielplatz. In der Stadt, wo ich aufgewachsen bin. Dort, wo jetzt meine Tochter lebt. Corinna ist auch dort aufgewachsen. Und dennoch – verschiedener kanns wohl kaum laufen; verschiedenere Ergebnisse kann das Aufwachsen in der gleichen Straße kaum hervorbringen. Corinna war mit ihren 3 Kindern da; mit ihrem Mann, der Berufskraftfahrer ist und für den evangelischen Kirchengemeinderat kandidiert, und mit ihren Schwiegereltern.

Ich war mit meiner Tochter da. Nur mit meiner Tochter. Ohne Mutter, ohne Schwiegereltern oder Eltern. Einfach nur wir beide, das rudimentäre Restchen des Versuches, etwas zu bauen, was Corinna ganz offensichtlich gelungen ist. Ihre Welt funktioniert. Meine zerfällt und entfremdet.

Vielleicht habe ich Corinna überfordert damit, dass ich auf sie zuging, das Gespräch suchte und nach ihrem Leben fragte und von meinem berichtete. Ich hatte jedenfalls nicht den Eindruck, als verstünde sie, wie ich lebe und von was – geschweige denn, wie man so überhaupt leben kann. Andererseits war die Verunsicherung, so glaube ich gesehen zu haben, nur von kurzer Dauer. Der Weg vom Spielplatz bis zum Auto reichte aus, um mich aus der gedanklichen Welt zu eliminieren und wieder in ihrer anzukommen.

Corinna ist Tochter fürsorgender Eltern – liebevoll, liebenswert, Liebenzell. In diesem Haushalt herrschte schon immer eine umfassende Klarheit, wie die Welt funktioniert. Wie das mit Gott ist. Wie man zu leben hat. Hand aufs Herz: ich hab diese Welt verachtet. Ich hab mitgemacht, wenn es darum ging, diesen engen Horizont zu belächeln. Und heute führt sie mir vor Augen, dass ihre Welt funktioniert. Meine funktioniert nicht.

Corinna baut mit ihrem Mann ein Haus. Corinnas Kinder wachsen in der Sicherheit der elterlichen Liebe und Fürsorge auf. Corinna engagiert sich in der Kirche. Sie ist linear, ruhig, anständig, bedacht, selbstbewusst und willensstark.

Ich bin dankbar geworden für die Corinnas dieser Welt. Unser Land wäre nicht nur ein bissl schlechter dran ohne sie. Sie halten die Republik am Laufen. Sie sind der gesunde Teil unseres gesellschaftlichen Fundaments.

Was ist mit mir? Wie Corinna kann ich nicht sein. Ich habs ja sogar mal versucht, aber es wollte einfach kein anständiger Mensch aus mir werden…

Nie werd ich leben können ohne die Komplexität; ohne das Widersprüchliche zu vereinen. Corinna braucht keine Widersprüche – sie hat nie welche erlebt. Ihre Welt war nie komplex – warum sollte man von ihr verlangen, Komplexität wahrzunehmen? Für sie gibt es keine.

Aber für mich. Ich bin geschieden; ich versuche, über eine Distanz von300 Kilometern hinweg ein guter Vater zu sein; ich arbeite täglich mit Widersprüchen und dem vielfältigen Scheitern der Überforderten daran; ich muss mir Gedanken über Identität und Schöpfungsabsichten machen, um herauszufinden, wer, was und wie ich bin… All das und noch etliches mehr kann ich nicht leugnen; nicht rausdiskutieren aus meinem Leben; nicht reduzieren in meinem Weltbild.

Und ich will gar nicht darüber reden, warum das so ist – das tu ich sonst schon genug. Ich will einfach mal anerkennen, wie wertvoll und wichtig die Corinnas sind in ihrer begrenzten Welt; in ihren vorgefertigten Bildern; mit ihrer althergebrachten Moral. Danke an alle Corinnas! Ihr tut hier einen wundervollen Job, zu dem ich einfach nicht in der Lage bin. Wahrscheinlich wird sich unser Weg nie wirklich kreuzen (das tat er auch trotz viertelstündigem Gespräch auf dem Spielplatz nicht), wahrscheinlich werden sich unsere Welten nie real begegnen… und dennoch: ich profitiere von Euch. Ohne Eure Bodenständigkeit wäre meine Abgehobenheit nicht möglich.

Und ich will mich entschuldigen: dafür, dass ich Euch verachtet hab in Eurer vermeintlich beschissenen kleinen Welt. Noch seid Ihr es, deren Welt funktioniert! Zwar hab ich Hoffnung, dass auch meine Welt funktionieren wird, aber sie wird es nie, solange ich Eure nicht anerkenne.

 

Ach ja: Corinna Hafner heißt natürlich nicht Corinna Hafner. Aber der Name passt gut, oder?

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Der Reiche oder on his own

November 7, 2007 at 9:01 (life, the universe and everything)

Schleppend, gelangweilter Bewusstlosigkeit nahe bewegt er sich durch den Nebel eines viel zu frühen Novembermorgens einer alten Stadt. Er hat Durst, er hat Hunger, er stinkt nach der Resignation eines fast vierzigjährigen Lebens, die ihn allabendlich vor der unfassbaren Aufdringlichkeit des schieren Vorhandenseins biervertreibender Einrichtungen kapitulieren lässt. Er stolpert auf den Marktplatz. Hier empfängt ihn die Abweisung geschlossener Fensterläden mit der so leicht als Hohn interpretierten Gleichgültigkeit der dahinter Schlafenden. Sie kennen ihn nicht. Er kennt sie nicht. 

Er kennt niemanden. 

Nicht in dieser Stadt. Nicht in seiner Kneipe. Nicht die Menschen, die mit ihm getrunken haben. Seine Freunde. Nichtssagende Wortfetzen; gegenseitiges Einvernehmen versteckt hinter oberflächlich interessanten Themen, von sich selbst nicht zugebend, worüber beim Freund Verständnis gesucht wird. Peinlich bedachte Vermeidung von Seelenberührung im sedierenden Bierfluss. 

Er kennt niemanden. 

Nicht in seiner Familie, die Menschen, die mit ihm zu Abend gegessen haben. Die Frau, mit der er seit zwölf Jahren alles teilt außer seinem Herzen. Die sich unbemerkt abgemüht hat, ihn zu erreichen, und am Schluss doch vor der Unanfechtbarkeit des Besitzanspruches seiner Mutter kapitulieren musste. Die Kinder, die er gezeugt hat und die in seinem Haus aufwachsen. Er hat ihre Entwicklung beobachtet, wie ein Forscher durch eine Scheibe ins Labor schaut. Er hat gut für sie gesorgt, sie hatten immer mehr als genug. Und eines Tages, wenn ihre Entwicklung abgeschlossen wäre, würde er die Tür des Labors öffnen und sie entlassen. 

Er kennt niemanden. 

Nicht die Prostituierte, mit der er das Schicksal geteilt hat – das Schicksal, verkauft zu sein und in engster Nähe unüberwindbare Distanz zu empfinden, willenlose Watte, das bedeutungslose Autogramm seiner Lust von sich gebend wie ein Seenotzeichen. Sein Schiff säuft ab, das spürt er schon lang. Und obwohl ihm die Seelentrösterin der vergangenen Nacht Schicksalsverbündete ist und es keinen Moment in seinem Leben gab, der ihn so analeptisch mit einem anderen Menschen verbunden hat, ist sie ihm fremd und unerreichbar, in höchster Konzentration auf den Untergang ihres eigenen Schiffes gefangen. 

Er kennt niemanden. 

Nicht die Kollegen, mit denen er arbeitet. Nicht den Pfarrer, dem er einmal im Jahr zuhört. Nicht den Arzt, der ihn behandelt. Nicht den Nachbarn, mit dem er über den Gartenzaun redet. Nicht die Lehrer seiner Kinder, nicht den Mieter der Einliegerwohnung, nicht die Kassenuschi beim Aldi, nicht diesen, nicht jenen, nicht Gott und den Teufel und am wenigsten sich selbst. 

   

Er hat alles, was es zu haben gibt. Er besitzt es nicht. Er hat nichts. Wie er sich danach sehnt, beraubt zu werden! Wie er danach lechzt, dass ihm alles genommen wird, um der Last der Verpflichtung seines Eigentums zu entkommen. So gerne hätte er nichts, denn er hat nichts und muss doch so tun als ob.  

   

Er ist ein Reicher. Er passt nicht durchs Nadelöhr. 

   

Und doch – er will nicht mehr und will doch nicht sterben. Der Mann im Spiegel schaut ihn so traurig an. Kann er diesen Blick ertragen? Wirken lassen? Zusammenbrechen mit der verletzten Seele seines Morgenritual-Gegenübers? Kann die Welt die Eimer fassen, die er vollkotzen müsste? Gibt es jemand, der ihn fest genug halten kann, damit die Tränen ihn nicht mit sich fortreißen? Womit kann er seine Nacktheit verbergen, wenn er die Uniform seines Funktionierens auszieht? Wer wird seinen Zorn ertragen, wenn die Unbarmherzigkeit seiner Welt zum ersten mal sein Herz trifft? Woher kann die Kraft kommen, die Mauer um sein Herz zu sprengen? Wer glaubt an seinen Wert, wenn er die Wahrheit seiner Wertlosigkeit spürt? Wer wird ihn aufnehmen, wenn seine alte Welt in auskotzt, weil er sich weigert, seine Rolle zu spielen? 

   

Wer, wenn nicht Du? 

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