Erziehung ist Glücksache…

Januar 29, 2008 at 7:50 (life, the universe and everything)

 

„Korbinian, ich geh jetzt! Tschühüs!“ So misstönt eine weibliche Stimme in mein Ohr. Die dazugehörige Dame hat sich ob der räumlichen Enge etwa30 Zentimeter neben meinem Ohr postiert. Ich bin irritiert. Meint sie mich? Ich heiße anders, aber weiß sie das? Ich schau sie mir an. Nein, sie meint nicht mich. Sie meint ihren Sprössling, unverkennbar ein Sohn der Mutter, der sich hier im IKEA-Kinderland verlustiert. Und zwar reichlich unbeeindruckt von den Aufbruchsmotivationsversuchen seiner Ahnin. Die ruft schon eine geraume Weile nach ihm, stelle ich fest. Bis zu diesem Moment hab ich noch versucht, diese mein linkes Trommelfell perforierende Stimme durch Errichten eines PAL-Feldes aus der Welt zu schaffen, aber nun sagt mir mein Sympathikus, dass es Zeit wird, sich einer Herausforderung zu stellen. Zu deutsch, die Alte nervt.  

Während rechts von mir bereits trefflich gelästert wird, wie man seinem Kind so einen dämlichen Namen geben und den dann auch noch quer durch die IKEA-Welt proleten kann, verwirren sich meine mit der Lösung dieser Situation beschäftigten Affekte und Gedanken zu einem mittelstarken gordischen Knoten. „Warum bin ich hier? Warum geh ich nicht einfach?“ lässt sich noch relativ einfach beantworten. Ich bin hier, weil ich für Freunde was mitbringen wollt und meiner kleinen Tochter versprochen hab, dass wir uns danach sinnlos am Endlosrefill mit Preiselbeerlimo zukippen werden und sie anschließend im Kinderland spielen darf, bis sie nicht mehr will. Ich muss also bleiben; kann mich nicht entziehen.  

„Warum tut sie das? Wie kann ich sie dazu bewegen, damit aufzuhören? Wie kann es sein, dass dieser fünfjährige Pupser seiner Mutter zeigt, wo der Bartel den Most holt? Soll ich reingehen und das kleine Monster packen und ihn der Keiferin in die Arme drücken?“ Solche und ähnliche Gedanken, bis dahingehend, dem Kleinen eine zu verpassen und ihm zu sagen: „tu endlich, was deine Mutter sagt, sonst nervt sie noch bis IKEA schließt!“ oder der Alten einen Kurs für positive Erziehungsstrategien zu empfehlen, verhedderten sich in meinem überforderten Hirn. Deutschland, wo stehst Du?  

Ich bin gerne bereit zuzugeben, dass meine Erziehung Mängel hat. Meine Tochter lernt sicher manches, was ihr helfen würde, weniger anzuecken, bei mir nicht. Narzisstische Motive, Messiaskomplex und der gute alte Egoismus schleichen sich in so manche Erziehungshandlung. Ginge das besser? Klar. Ist es nötig, dass das besser ginge? Ganz ehrlich: ich persönlich geb keinen Pups dafür. Warum? Weil sie es lernen kann, wenn es nötig ist. Vielleicht schmerzhafter, als wenn der Papa es gleich richtig gemacht hätte, aber nicht existenzbedrohend. Und ich kann sie eh nicht vor dieser Art Schmerz bewahren – ich weiß ja nicht, was dort akzeptiert sein wird, wo sie sich einmal bewegen wird. Also bin ich lieber gleich authentisch.  

Will ich jetzt sagen, dass es schlimmer ist, seinem Kind keine klaren Grenzen zu setzen? Exakt. Eine Mutter, die so gummiartig dehnbar ist; deren Ausraster der kleine Despot so minutiös timen kann, die gibt keine Sicherheit. Und das brauchen die Kleinen: das unumstößliche Wissen, dass die Alten klar sind. Dass gilt, was die Ahnen sagen. Denn wenn das nix gilt, was den Zeitpunkt des IKEA-Verlassens zu terminieren sucht, wie verlässlich soll dann bitte alles andere sein, was diese Person von sich gibt? Wenn Mama schon solcherart Primitives nicht scharf abgewickelt bekommt, wie stark ist sie dann? Wenn so ein Windelcowboy seine Altvorderen so steuern kann, sind dann Liebe und Zu-ihm-Halten nicht auch nur von ihm erzeugte Reaktionen, die jederzeit umkippen können, wenn die Großen mit stärkeren Reizauslösern konfrontiert sind? Muss eine derart bedrohte Art nicht ständig auf der Pirsch sein und dafür sorgen, das er der stärkste Reizauslöser bleibt?  

Ich will nicht so weit gehen, von Inkonsequenz auf Liebesfähigkeit zu schließen. Das ist auch nicht das Problem. Das Problem ist, dass die Kleinen es tun.  

Und wer der Meinung ist, ich ziehe zu sehr über überforderte Mütter her, dem sei das Bild vervollständigt: Die Mutter war mit zwei Kindern da. Das andere saß unbeteiligt am Tisch, schaute bedauernd auf seine Zigarettenschachtel (bei IKEA darf man nicht mehr rauchen)oder autistisch ins Leere, hatte ein leeres Bierglas vor sich und in etwa das Alter der Mutter – und trug den gleichen Ring am Finger wie sie. 

Deutschland, du brauchst Mütter, Väter und Eltern. Oh mann.   

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