church & me

April 21, 2008 at 12:06 (life, the universe and everything)

Ich habe irritiert. Entschuldigung!

Nein, ehrlich: ich habs gern getan.

Worüber? Womit?

Ich habe Aussagen über die Glaubensgemeinschaft der Christen – lokal und global –  gemacht, ich habe Freunde, die Aussagen über Gemeinde bzw. ihre eigenen Vorstellungen gemacht haben, und diese Aussagen passen offensichtlich nicht in das landläufige Bild der Sache. Und da ich gebeten wurde, doch auch mal zu sagen, was ich konstruktives darüber denke und nicht nur, was ich darüber zu meckern hab, hier mein statement.

Ich finde die Idee, dass Menschen, die in ihrem Leben mit Jesus unterwegs sind, zusammengehören, sehr geil. Diese Zusammengehörigkeit muss gelebt werden, sonst ist sie nix wert.

Wie sie gelebt wird, das ist Stilsache und somit der Gemeinschaft überlassen. Es mag ein paar Richtlinien geben, und das ist gut so, aber es gibt jedenfalls ein riesiges Gestaltungsfeld. Und hier ist Vielfalt zu begrüßen! Nicht alle Menschen sollen, wollen oder können so leben wie ich, und ehrlich: ich fänd das auch Scheiße. Wenn ich kritisiere, dann tu ich das nicht, weil ich nur den Weg der von mir erwählten Gemeinschaft als sinnvoll akzeptieren kann, sondern weil ich was zu meckern finde. Und da find ich was; nicht nur bei den andern! Dennoch – einzelne Punkte, über die man meckern kann, können doch bitte nicht zu hopp oder topp führen. Wer sich in diese Richtung von mir auf den Schlips getreten fühlt, tut das völlig umsonst!

Das für mich wichtigste Kriterium, nach dem ich Systeme betrachte, ist der alte Werbespruch von Honda: „Erst der Mensch, dann die Maschine“. Wieviel System braucht der Mensch? Sicher nicht viel! Andersrum: wieviel Mensch braucht das System? Aha: wir sind auf der richtigen Spur.

Wo das System nicht jeden braucht, der dazugehört; d.h. wo es sich, um weiterzuleben, nicht krass verändern muss, wenn einer es verlässt – da ist der Mensch fürs System und nicht das System für den Menschen da. Das heißt, es hat missbräuchliche, knechtende und unterdrückende Eigenschaften.

Immer wieder haben Menschen Systeme geschaffen, die sich verselbständigen und Nahrung in Form von Individualität, Menschlichkeit und Leben verzehren. Eigentlich muss man sogar feststellen, dass praktisch kein System bekanntgeworden ist, das nicht so lief. Krass, oder? Woran liegt das?

Bestimmt nicht an der Idee! Denn die war oft dem Ergebnis sogar entgegengesetzt! Ob in Religion, Politik oder Kultur. Also liegt es nicht an der Initiation, sondern irgendwann kippt da was. Und das ist nicht schwer zu finden: immer, wenn ein System kippt, das ursprünglich für den Mensch gedacht war, will einer darin größer sein als die anderen. Aus dem Kindergarten wissen wir ja noch, dass uns diese Idee alle reitet… und leider ist genau hier auch der Schwachpunkt aller Systeme! Gegen Narzissmus und die daraus folgende Sucht nach Grandiosität gibt es kein Automatismus, den man dem System einpflanzen könnte.

Also bleibt mein Misstrauen gegenüber allen Systemen, in denen die Leitenden unhinterfragbar sind. Ich gehe sogar so weit, dass ich mich weigere, mich einem Leiter anzuvertrauen, den ich nicht persönlich hinterfragen darf. Soviel Verantwortung für mich selbst muss schon sein! Natürlich bedeutet das, dass Systeme, in denen es wirklich ans Eingemachte geht, ziemlich klein sein müssen. Ja und? Der einzige Verlust, der für mich feststellbar ist, beziffert sich auf ein gewisses Wir-Gefühl, das eine große Masse Menschen besser vermitteln kann. Es spricht ja auch nix gegen Massenveranstaltungen ab und zu! Darüber hinaus verliert in kleinen Systemen die Möglichkeit der Machtausübung. Ach ja: das bequeme Geführtwerden, das verliert auch. Denn wir haben ja immer mindestens zwei profitierende Seiten im System, und es wäre ungerecht, die Schuld nur den Grandiosen zu geben!

Was heißt das? Verantwortung nehmen, Leute! Für Dein Leben stehst Du selber, und das Argument „das hat mein Leiter so gesagt“, das zog noch nie. Und die Zusammenfassung, die sagt, wie ich zur Idee der Kirche stehe? Flache Strukturen, kleine Systeme, vertrauensvolle Beziehungen. Noch Fragen?

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April 7, 2008 at 12:02 (life, the universe and everything)

Dieses Video hab ich neulich in einem Gottesdienst in ner großen Gemeinde gesehen (ja, so etwa einmal in zwei Jahren geb ich mir sowas…). Das kam da als Einleitung, mit der Botschaft: „besteht das Leben denn wirklich nur aus spielen? Hat es denn keinen tieferen Sinn?“ und mehr solche Betroffenmach-Fragen. Nachdem die Betroffenheit aller zufriedenstellend an Gesichtern und Körperhaltung ablesbar war, offenbarte uns die Einleiterin, dass das Leben viiiieel ernster ist. Spielen sei nicht alles, denn es gibt ja auch noch Gott, der nur darauf wartet, uns damit zu beschenken, von Stund ab wöchentlich mit Gottesdiensten dieser Art gesegnet zu sein – denn ein Leben mit Jesus, so meinte sie verheißungsvoll, sei viel erfüllender als die Spielerei. Garniert wurde das ganze mit ein paar Seitenhieben auf die Spielbegeisterung unserer Generation: die postmoderne Verstetigung der Jugend; uns gehts dermaßen gut, dass wir nicht mehr dankbar sind und nichts mehr richtig ernst nehmen… mir kam das Kotzen.

Warum?

Warum muss man Spiel und Leben trennen? Das Leben hat erstaunliche Parallelen zu einem Pokerspiel: Du kannst nicht beeinflussen, was Du für Voraussetzungen bekommst – aber Du kannst was draus machen. Poker ist kein Glücksspiel, sagen die Profis. Du musst wissen, wie hoch der Einsatz sein soll, wann es sich lohnt zu reizen und wann man besser passt. Und Du musst bereit sein, einzelne Runden zu verlieren. Du bestimmst das Risiko.

Und der Jesus-Faktor? Ich glaube, ein Leben mit ihm ist interessanter als ohne ihn. Er ist ein erstaunlicher Typ. Aber es ist mal ganz sicher nicht risikoärmer. Es bleibt ein Spiel; vielleicht wird es das sogar erst richtig. Und er selber weiß wohl, um was es geht – er hat alles auf eine Karte gesetzt. Und er hat gewonnen. Geil irgendwie, oder?

Ich find es genial, dass unsere Generation so gern spielt. Das Leben ist kein Ponyhof… (danke an F. für den Spruch!). Das Leben ist ein Spiel. Bring Einsatz. Schätz das Risiko ein. Lerne zu überleben. Play more.

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Beschissene kleine Welt 2

April 2, 2008 at 7:23 (life, the universe and everything)

Ich hab neulich Sara Neuhausen kennengelernt. In ner Kneipe. In ner Großstadt. Dort, wo viele Studenten leben. Sara hat die Welt gesehen. Sie war in Kambodscha, im Kongo und Japan. Sie hat humanitäre Dienste geleistet in Indien, in Südafrika und in Chile. Sie war überall. Sie hat einen ewig weiten Horizont, und wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Sara ist Anfang 30, und das Gespräch bekam nach relativ kurzer Zeit Flirtcharakter. Ich fühlte mich prächtig: ein gutaussehendes weibliches Gegenüber, das verstand, von was ich redete und das selbst Dinge mit Sinn und Inhalt zu erzählen hatte. Eine Lady, die weiß, was sie will. Das hat was; da läuft meine Endorphinproduktion auf Hochtouren.

Wir haben uns über Gott unterhalten, über diese Welt und was es bedeutet, mit ersterem in zweiterer zu leben. Wie das ist, ein in die Postmoderne geworfener Mensch zu sein; das Leben ständig neu definieren zu müssen, weil man sich weigert und sich auch garnicht in der Lage sieht, etwas ungeprüft zu übernehmen, nur weil es schon immer so war. Zu oft haben wir die 50jährige Erfahrung mancher Möchtegernratgeber als 50 mal einjährige Erfahrung entlarvt – und dann auch noch eine völlig irrelevante.

Wir sprachen über unsere Sicht von Gerechtigkeit (im Diesseits eine Utopie, im Jenseits eine Hoffnung), von Frieden (fighting for peace is like fucking for virginity), von Männlichkeit und Weiblichkeit (Gender mainstream? Nein danke!) und Schönheit (das Diesseits ist genießbar). Mann, waren wir uns einig.

Hm. Oder doch nicht? Im Verlauf des Gesprächs beschlich mich ein seltsames Gefühl, das mich veranlasste, nicht zuviel von mir preiszugeben. Das hat mich genervt – ich wollte mich mit Haut und Haaren in diesen Flirt stürzen, und so war ich wieder mal versucht, die innere Stimme zu ignorieren. Die hörte jedoch nicht auf, mich mit seltsamen Gefühlen zu beschleichen, und so nahm ich mir eine kurze Auszeit und beschlich meinerseits die Toilette, um mal klarzukriegen, was da läuft. Ausführliches Wasserlassen hat mich schon immer in der Reflexion aktueller Begebenheiten unterstützt.

Mein Gefühl war, mal hinter die Dinge zu schauen, die auf so viel gegenseitige Zustimmung stießen. Also führte ich das Gespräch weiter… nicht mehr vorgebeugt und auf Gemeinsamkeiten geiernd, sondern zurückgelehnt und hinterfragend. „Was bedeutet das für Dich?“, „Wie lebst Du das?“ und „Fühlst Du Dich dabei auch immer so?“ waren jetzt meine Fragen. Und zu meiner Überraschung fand ich heraus, dass wir wohl auf den gleichen Wortschatz zurückgriffen, aber völlig verschiedene Sprachen sprachen. Sowas.

Das, was sich nach Tiefe angehört hatte, erwies sich als ein Potpourri von Formulierungen begabter Dichter und Denker – griffig und schlagend im Klang, aber nicht be- oder selbst ergründet. Auf eine faulig schmeckende Weise fühlte ich mich an Corinna Hafner erinnert. Und auch wieder nicht: Corinna hat keine Breite, aber Tiefe. Sara hat Breite, aber praktisch keine Tiefe. Und letztendlich, nachdem ich Sara in ihrem Lebensumfeld kennengelernt hab, fand ich eine geordnete kleine Welt voller Dos und Don’ts. Ein sehr enges Wertesystem im Alltag, überlagert vom intellektuellen Anstrich übernommenen Freidenkens.

Einer wie ich kann das nicht einfach so akzeptieren. Klar, Sara will ich nicht verändern; wenn sie das will, muss sie das selber tun. Aber Sara ist ja auch kein Einzelfall. Ich hab die letzten Jahre Legionen von Saras getroffen; nicht mit allen hab ich geflirtet und nicht alle waren weiblich (und natürlich hieß keine einzige von ihnen Sara). Nein, bei Osama: ich wollte wissen, warum das so ist.

Nicht, dass ich das Phänomen „Breite statt Tiefe“ nicht schon kannte… aber nicht von jungen Menschen, die ohne Verbindlichkeiten und ohne große Last an Verantwortung in die Welt ziehen konnten, sondern vielmehr von solchen, die sich auf Verantwortung eingelassen hatten und schmerzhaft daran gescheitert waren. Wenn die Tiefe zu sehr schmerzt, man aber dennoch die pure Oberflächlichkeit nicht ertragen kann, dann ist die Flucht in die Breite ein probater Ausweg. Vor allem, weil fast keiner merkt, was wirklich los ist…

Ehrlich, das Ergebnis, zu dem ich komme, regt mich auf. Es bleibt mir nämlich wenig übrig als zu erkennen, dass wir eine Generation von Weicheiern und Schattenparkern sind. Wäschezumamibringer, Cyberflirter und Aktienmitlimitkäufer. Ambergmithandbremseanfahrer, Bahnüberganganhalterundlinksundrechtsschauer, Standheizungsfernbediener und Nuramwochenendesexhaber. Lippenbalsambenutzer, Mallorcaferienhausbesitzer und Navigationssystembenutzer. Die Liste ist endlos fortsetzbar, und viele haben das getan… Leute, ist das unsere Generation? Sind wir das, diese Konflikt- und Spannungsvermeider? Offensichtlich… und es gibt ja auch Bücher ohne Ende über dieses Phänomen.

Ich hab eine Bitte an uns: können wir uns vielleicht entscheiden, ob wir Corinna Hafner sein wollen oder ob wir mit Breite in die Tiefe wollen? Sara ist kein Zustand; Sara ist peinlich. Schmerz, der schmerzt zu vermeiden - da hat jeder, der das tut, mein vollstes Verständnis. Aber prophylaktisches Schwanzeinziehen – das ist wortwörtlich der Coitus interruptus im großen Sex des Lebens. Wir sind nicht so bedroht, dass wir uns so schützen müssten. Auch wenn man uns das glauben machen will; ich weiß. Dennoch: was ich glaube, das entscheide ich.

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