Beschissene kleine Welt 2

April 2, 2008 at 7:23 (life, the universe and everything)

Ich hab neulich Sara Neuhausen kennengelernt. In ner Kneipe. In ner Großstadt. Dort, wo viele Studenten leben. Sara hat die Welt gesehen. Sie war in Kambodscha, im Kongo und Japan. Sie hat humanitäre Dienste geleistet in Indien, in Südafrika und in Chile. Sie war überall. Sie hat einen ewig weiten Horizont, und wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Sara ist Anfang 30, und das Gespräch bekam nach relativ kurzer Zeit Flirtcharakter. Ich fühlte mich prächtig: ein gutaussehendes weibliches Gegenüber, das verstand, von was ich redete und das selbst Dinge mit Sinn und Inhalt zu erzählen hatte. Eine Lady, die weiß, was sie will. Das hat was; da läuft meine Endorphinproduktion auf Hochtouren.

Wir haben uns über Gott unterhalten, über diese Welt und was es bedeutet, mit ersterem in zweiterer zu leben. Wie das ist, ein in die Postmoderne geworfener Mensch zu sein; das Leben ständig neu definieren zu müssen, weil man sich weigert und sich auch garnicht in der Lage sieht, etwas ungeprüft zu übernehmen, nur weil es schon immer so war. Zu oft haben wir die 50jährige Erfahrung mancher Möchtegernratgeber als 50 mal einjährige Erfahrung entlarvt – und dann auch noch eine völlig irrelevante.

Wir sprachen über unsere Sicht von Gerechtigkeit (im Diesseits eine Utopie, im Jenseits eine Hoffnung), von Frieden (fighting for peace is like fucking for virginity), von Männlichkeit und Weiblichkeit (Gender mainstream? Nein danke!) und Schönheit (das Diesseits ist genießbar). Mann, waren wir uns einig.

Hm. Oder doch nicht? Im Verlauf des Gesprächs beschlich mich ein seltsames Gefühl, das mich veranlasste, nicht zuviel von mir preiszugeben. Das hat mich genervt – ich wollte mich mit Haut und Haaren in diesen Flirt stürzen, und so war ich wieder mal versucht, die innere Stimme zu ignorieren. Die hörte jedoch nicht auf, mich mit seltsamen Gefühlen zu beschleichen, und so nahm ich mir eine kurze Auszeit und beschlich meinerseits die Toilette, um mal klarzukriegen, was da läuft. Ausführliches Wasserlassen hat mich schon immer in der Reflexion aktueller Begebenheiten unterstützt.

Mein Gefühl war, mal hinter die Dinge zu schauen, die auf so viel gegenseitige Zustimmung stießen. Also führte ich das Gespräch weiter… nicht mehr vorgebeugt und auf Gemeinsamkeiten geiernd, sondern zurückgelehnt und hinterfragend. „Was bedeutet das für Dich?“, „Wie lebst Du das?“ und „Fühlst Du Dich dabei auch immer so?“ waren jetzt meine Fragen. Und zu meiner Überraschung fand ich heraus, dass wir wohl auf den gleichen Wortschatz zurückgriffen, aber völlig verschiedene Sprachen sprachen. Sowas.

Das, was sich nach Tiefe angehört hatte, erwies sich als ein Potpourri von Formulierungen begabter Dichter und Denker – griffig und schlagend im Klang, aber nicht be- oder selbst ergründet. Auf eine faulig schmeckende Weise fühlte ich mich an Corinna Hafner erinnert. Und auch wieder nicht: Corinna hat keine Breite, aber Tiefe. Sara hat Breite, aber praktisch keine Tiefe. Und letztendlich, nachdem ich Sara in ihrem Lebensumfeld kennengelernt hab, fand ich eine geordnete kleine Welt voller Dos und Don’ts. Ein sehr enges Wertesystem im Alltag, überlagert vom intellektuellen Anstrich übernommenen Freidenkens.

Einer wie ich kann das nicht einfach so akzeptieren. Klar, Sara will ich nicht verändern; wenn sie das will, muss sie das selber tun. Aber Sara ist ja auch kein Einzelfall. Ich hab die letzten Jahre Legionen von Saras getroffen; nicht mit allen hab ich geflirtet und nicht alle waren weiblich (und natürlich hieß keine einzige von ihnen Sara). Nein, bei Osama: ich wollte wissen, warum das so ist.

Nicht, dass ich das Phänomen „Breite statt Tiefe“ nicht schon kannte… aber nicht von jungen Menschen, die ohne Verbindlichkeiten und ohne große Last an Verantwortung in die Welt ziehen konnten, sondern vielmehr von solchen, die sich auf Verantwortung eingelassen hatten und schmerzhaft daran gescheitert waren. Wenn die Tiefe zu sehr schmerzt, man aber dennoch die pure Oberflächlichkeit nicht ertragen kann, dann ist die Flucht in die Breite ein probater Ausweg. Vor allem, weil fast keiner merkt, was wirklich los ist…

Ehrlich, das Ergebnis, zu dem ich komme, regt mich auf. Es bleibt mir nämlich wenig übrig als zu erkennen, dass wir eine Generation von Weicheiern und Schattenparkern sind. Wäschezumamibringer, Cyberflirter und Aktienmitlimitkäufer. Ambergmithandbremseanfahrer, Bahnüberganganhalterundlinksundrechtsschauer, Standheizungsfernbediener und Nuramwochenendesexhaber. Lippenbalsambenutzer, Mallorcaferienhausbesitzer und Navigationssystembenutzer. Die Liste ist endlos fortsetzbar, und viele haben das getan… Leute, ist das unsere Generation? Sind wir das, diese Konflikt- und Spannungsvermeider? Offensichtlich… und es gibt ja auch Bücher ohne Ende über dieses Phänomen.

Ich hab eine Bitte an uns: können wir uns vielleicht entscheiden, ob wir Corinna Hafner sein wollen oder ob wir mit Breite in die Tiefe wollen? Sara ist kein Zustand; Sara ist peinlich. Schmerz, der schmerzt zu vermeiden - da hat jeder, der das tut, mein vollstes Verständnis. Aber prophylaktisches Schwanzeinziehen – das ist wortwörtlich der Coitus interruptus im großen Sex des Lebens. Wir sind nicht so bedroht, dass wir uns so schützen müssten. Auch wenn man uns das glauben machen will; ich weiß. Dennoch: was ich glaube, das entscheide ich.


2 Kommentare

  1. Nikolai sagte,

    Gigantisch gut, gigantisch tief, Nicht eng und doch ein ziemlicher Spalt in die Tiefe. Danke

  2. ira sagte,

    lese eigentlich selten so lange Blogs,
    doch dieser hat mich nicht losgelassen.
    Danke, das du es provozierst sich zu orten.

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