Ein Berner namens…
Wo ich doch nu als Deutscher in der Schweiz wohn, will ich den Genuss dieser Kultur mit meinen Landsmannen (jaja, und -männinen) teilen. Zu diesem Zwecke werde ich immer mal wieder ein Stück schweizer Kultur posten – wie bereits gerade geschehen mit dem Text von Manni Matter. Jetzt kommt Ueli der Schreiber zu Wort; ein Schweizer, der seine Miteidgenossen aufs genaueste beobachtet hat, bevor er sie in einer Weise beschrieb, die in Wortwahl und Ausdruck unvergleichlich ist.
Was ich vorwegschicken möchte: keineswegs sei das verstanden als ein sich-lustig-machen über die Schweizer. Das tun sie selber auf hohem Niveau; keinem Deutschen steht das zu. Die Schweizer mögen eine Ausdrucksweise haben, die in deutschen Ohren erstmal niedlich klingt – das liegt aber mindestens genauso an der deutschen Bereitschaft, Angehörige anderer Kulturen von oben her als evolutinär rückständige Eingeborene zu betrachten wie daran, dass dem Schweizer die Verniedlichung tatsächlich ein Ausdrucksmittel ist – das aber extrem selten der Verniedlichung dient. Ich liebe diese Kultur und schätze sie sehr – deshalb soll sie hier zu Wort kommen. Ueli, du hast das Wort.
Ein Berner namens Hungerbühler
geriet vor einen Autokühler;
und da das Auto stark in Fahrt war
und die Berührung nicht sehr zart war,
verlor er seinen festen Stand
und flog fünf Meter weit ins Land.
Er wischte sich den Staub vom Kragen
Und trat zum demolierten Wagen
Und sprach zum Helden des Volants:
„Dy Fahrwys gfallt mer nid so ganz.“
Dr Hansjakobli u ds Babettli
Ich verlose einen Lutscher an denjenigen deutschen Leser, der mir eine richtige Übersetzung liefert. Einmal verstanden, spricht der Text für sich und es gibt dem nix hinzuzufügen.
Dr Hansjakobli u ds Babettli
hei mit em Chuchitaburettli
es Spieli zäme gschpilt zum göisse
„he he Frou Meier“ het das gheisse
Da isch zum Bischpiel zersch ds Babettli
druf gchlätteret uf ds Taburettli
u Hansjakobli wo süsch zaaget
isch tifig tifig drunder gschnaaget
Ganz lut het obehär ds Babettli
jitz gschtampfet uf das Taburettli
bis dass dr Hansjakobli dopplet
so lut het undenufe topplet
U grüeft: „he he Fou Meier machet
doch nid so Krach!“ – da hei sie glachet
u er isch obe gsi äs unde
u ds Spiel het disewäg stattgfunde
Vowägee grad so i däm Spieli
wie zgrächtem – Bischpiel git es vieli -
isch jede daderfür wird gchrampfet
gärn dä wo obenabe stampfet
Es isch nid jede wie ds Babettli
so harmlos uf sim Taburettli
drum luegit dass wie Hansjakobli
geng einen undenufe toppli
I wett fasch säge: „D’Wält wär freier
we meh würd grüeft: He he Frou Meier!“
(c) Mani Matter
Bekenntnisse
Ich habe mich geirrt. Das will ich allen meinen Lesern hier mal mitteilen. Fast jeder, der mal persönlich mit mir zu tun hatte, kennt mein meist höfliches Ablehnen, wenn ich gefragt werde, ob ich einen Kaffee möchte, verbunden mit der prinzipatorischen Begründung, dass ich nie Kaffee trinke. Nie, das ist so ein Wort, das man nie verwenden sollte. Und Kaffee, das war für mich auch was, das ich nie verwenden wollte. Festlegungen…
Letzte Woche ist es passiert. An einem schönen Nachmittag, die schweizer Vöglein zwitscherten in der hellen schweizer Nachmittagssonne, Kinderlein spielten auf dem nahen Spielplatz und entzückten die Nachbarschaft mit ihrem unschuldigen Lärm („gi mr dees zruckch; du bisch doch es Rieseaaarschlochchch!“) und die Vorfreude auf die baldige Heimkehr meiner lieben Gattin erfüllte mein zaghaftes Herz, da kam es plötzlich über mich wie Rotkäppchen über den armen Wolf: eine fast schon sinnliche Geilheit auf Kaffee. Das versetzte mich in Erstaunen, jedoch brachte ich es nicht fertig, meine fleischlichen Gelüste unter Kontrolle zu bringen, und warf in einem Anfall von wahnsinniger Besessenheit, diesen Geschmack verspüren zu müssen, die mir durch ehelichen Zugewinn teilhaftig gewordene Kaffeemaschine an und stand vor Erwarten geifernd wie ein pawlowscher Hund beim Erklingen der Glocke vor dem Gerät, bis es seine Aufwärmgymnastik endlich beendet hatte und bereit war, mir diese die Welt verändernde Flüssigkeit zu produzieren.
Und was soll ich sagen? Das Zeug befriedigt offenbar etwas in mir, das es früher nicht gab. Der Geschmack der Freiheit; der Genuss eines nachhaltig angekurbelten Kreislaufes; das plötzliche Absterben des Motors des Alltagskarussells – keine Ahnung, was es ist. Aber es ist geil!
Und um nun fürderhin in den Genuss fluchfreien Kaffekonsums zu kommen, fehlt noch eins: Ich tue Buße. In Sack und Asche. Ich widerrufe das Wörtchen „nie“ und bekenne mich zu meinem neuen Glauben: Kaffee ist gut. Und weil das die füdliblutte Wahrheit ist, sag ich es nochmal: KAFFEE IST GUT!!!!
Yes I can do it!
Ääänd I did it!
Ich habe geheiratet. Das mag ja manchem dünken, nichts weltbewegendes zu sein, damit dürfte mancher dieser Manchen aber falsch liegen. Denn… ich habe zum zweiten Mal geheiratet. Natürlich war die erste Ehe geschieden, das sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Aber – ich als einer, der davon redet, mit Jesus unterwegs zu sein – das heißt, einer seiner Nachfolger zu sein; einer derer, die nach seiner Meinung fragen – darf ich das eigentlich? Wo Jesus selbst doch harte Worte spricht:
„Wer sich von seiner Frau scheidet, ausgenommen wegen Unzucht, der macht, dass sie die Ehe bricht. Und wer eine Geschiedene zur Ehe nimmt, der bricht die Ehe.“
Diesen Vers zur Grundlage nehmend, hat die Christenheit, voran die katholische Kirche, in diesem Punkt aber dicht gefolgt von der freikirchlichen Szene, ein bizarres Lehrverständnis bezüglich Ehe, Ehescheidung und Wiederheirat entwickelt. Die Grundaussage ist:
„Geheiratet kann nur einmal werden. Scheidung läuft nicht.“
Nun ja, dass Scheidung eben doch läuft, mussten selbst die scheuklappenbehaftetsten Vertreter dieser These inzwischen akzeptieren… und haben ihr Lehrverständnis weiterentwickelt. Nicht mehr ganz so einheitlich, aber dafür etwas phantasiereicher. Da gibt es jetzt folgende Aussagen:
„Wer geschieden ist, darf nicht mehr wieder heiraten. Die Ehe ist ein einmaliges Sakrament.“
Oder:
„Wenn sich jemand hat scheiden lassen, hat er einen schweren Fehler begangen und muss sich mit seinem Partner versöhnen, um die gebrochene Ehe wieder herzustellen.“
Sogar dieses gibt es:
„Die Scheidung, die ein irdisches Gericht ausspricht, gilt nicht vor Gott. Was Gott zusammengefügt hat, kann der Mensch nicht scheiden.“
Abgesehen davon, dass diese abenteuerlichen Ansichten in unserer Gesellschaft absolut nicht lebbar sind, gefällt mir vor allem eins nicht daran: hier wird von einem korinthenkackenden, haarspaltenden, prinzipienreitenden, gnadenlos buchstabentreuen Gott ausgegangen. Ehrlich gesagt, es kotzt mich an, dass die Christenheit so weit runtergekommen ist.
Nicht, dass ich an einen Gott glaube, der sich selbst nicht ernst nimmt und dem seine statements egal sind. Aber dennoch will ich erstmal festhalten: ich glaube an einen gnädigen Gott. An einen, der jeden Fehler nicht nur vergeben, sondern sogar wieder gutmachen kann. Und an einen, der das nicht mit erhobenem Zeigefinger und nur wenn wir die Lektion gelernt haben tut, sondern ich habe einen Gott kennengelernt, der da sehr freigiebig ist. Der drauf abfährt, Dinge für uns in Ordnung zu bringen. Lasst uns das mal festhalten: Gott ist ein gnädiger Gott. Und ich bin ihm sehr dankbar dafür.
Um dieses wilde und schräge gesetzliche Gedankengut über Ehe und Scheidung zu entkräften, will ich an der Grundaussage ansetzen. Ich wiederhol sie nochmal:
„Geheiratet kann nur einmal werden. Scheidung läuft nicht.“
Sagt Jesus das nun oder sagt er es nicht? Ja, ich glaube, dass er das sagt. Genauso wie er sagt, dass die, die kleine Kinder davon abhalten, zu ihm zu kommen, in der Hölle brutzeln werden. Genauso wie er sagt, dass er persönlich in Auftrag geben wird, dass alle, die Unrecht tun, dort landen werden, wo das Heulen und Zähneklappern ist.
Harte Sachen sagt Jesus; da gibts nix zu rütteln. Verdammnis und Gericht hat er gepredigt. Aber auch Gnade hat er gepredigt. Was zählt denn jetzt? Wozu die harten Worte, wenn er nachher doch wieder lieb mit uns ist? Hier meine Meinung:
In seiner Bergpredigt genannten Grundsatzrede hat er den Menschen klargemacht, wie hoch die Messlatte hängt. In diesem Zusammenhang redet er auch über Scheidung. Und die Latte hängt hoch; verdammt hoch. Niemand kommt da drüber; nicht mal annähernd in die Richtung kommen wir. Und es war ihm wichtig, dass wir das verstehen: wir schaffen es nicht. Wir können die Maßstäbe nicht erfüllen. Never ever. Was wir brauchen, ist Gnade. Das sagt er ja auch recht unmissverständlich. Warum ein paar Vertreter seiner Truppe diese Gnade nun für alles gelten lassen wollen, nur nicht für tote Ehen, das ist mir einfach schleierhaft. Natürlich hege ich da den ein oder anderen Verdacht, will den hier aber nicht aussprechen… so wichtig is das nämlich nicht!
Was aber wichtig ist, das will ich nochmal sagen: es ist scheißegal, um welchen Fehler es geht und was daran alles kaputtgegangen ist. Die Einstellung Gottes ist immer, zu sehen, wie er was neues, brauchbareres, besseres entstehen lassen kann.
Ein Gedanke noch: soll das jetzt ne Ermutigung sein, schwierige Ehen zu scheiden? Absolut nicht! Dafür stehe ich, dass ich keinen Gedanken an Scheidung hatte, solang meine erste Ehe schwierig war. Erst als sie, allen Mühen zum Trotz, tot und nicht mehr zu retten war, kam der Entschluss zur Scheidung. Denn eine tote Ehe zu führen, ist eine Lüge. Sich um eine schwierige Ehe zu bemühen, das ist Pflicht.
Die Wirtschaft isch dees wo der Wirt schafft
Ich habe am Wochenende gehört, dass Porsche ein einmaliges Ding in der Wirtschaftsgeschichte gedreht hat: Bei einem Umsatz von 7,4 Mrd. € einen Gewinn von 8,57 Mrd. € einzufahren, das hat bisher noch keiner können. Auch wenn bei mir die erste Version meiner Steuererklärung manchmal ähnlich aussieht, so kommt doch beim Überarbeiten meist schnell der Fehler zutage.
Nicht so bei Porsche. In einer Zeit, wo alles, was Wert hat, ins Schwanken gerät und Millionen Anleger viel bis alles verlieren, machen die Schwaben nicht nur den höchsten Gewinn ihrer Geschichte, sondern lassen diesen auch noch höher als den Umsatz ausfallen. Ich verstehe natürlich extrem wenig davon, wie sie das gemacht haben. Das will ich auch nicht wirklich… aber was ich verstehe ist, dass mir dadurch das Gefühl genommen wird, dass Geld Wert hat. Offensichtlich ist Geld und der Wert, den Geld zum jeweiligen Zeitpunkt verkörpert, nur noch eine Kugel im Flipperautomat milliardenschwerer Konzerne.
Was heißt das für mich? Letztendlich eine Botschaft an die, die wollen, dass ich ihnen mein Geld anvertraue, sei es in Form von Aktien oder Anleihen, Optionsscheinen oder Anteilen; Fonds oder was auch immer: ich vertraue Euch nicht. Macht was ihr wollt, aber ich lege mein Geld lieber in ein gutes Essen oder einen schönen Urlaub an, bevor ihr es wieder verzockt.
Mir ist es nämlich völlig wurscht, dass ich mit Porsche diesmal Gewinn gemacht hätte. Wer weiß, wann ich mit denen Verlust mache? Solange hier die Gewinnmaximierung auf Teufel komm raus verfolgt wird, braucht man sich nicht wundern, wenn er dann auch ab und zu rauskommt, der Teufel. Und wenn er das tut, grinst er. Also: meins bleibt meins.
Wer braucht Taschen? oder Wie kann ich einen fremden Gott erleben?
Die Bibel; Lukas 9,3:
… und er sprach zu ihnen: „nehmt nichts mit auf den Weg: weder Stab, noch Tasche, noch Brot, noch Geld, noch soll jemand zwei Unterkleider haben!“
Das und mehr sagt Jesus zu seinen Weggefährten, als er sie allein losschickt, damit sie ihren Job tun. Hardimitzn: als ob es nicht schon Stress genug bedeuten würde, für diesen alles beanspruchenden Mann unterwegs zu sein, verbietet er nun auch noch, Vorräte mitzunehmen und für die eigene Unabhängigkeit zu sorgen. Die Leute, die hören und erleben wollen, was die Jungs zu sagen und zu geben haben, werden schon für sie sorgen.
Vor ein paar Wochen war ich auf einem Treffen von Leuten, die in ihrem eigenen Lebenskontext aktiv unsere Gesellschaft gestalten wollen: Querdenker, Mitdenker, Gegendenker, Hinterfrager, Vorsager, Spinner, Geschäftsleute, Lebenskünstler, Vorreiter, … n Haufen engagierter Leute jedenfalls, denen unsere Zukunft was bedeutet. Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, wie Menschen in der Postmoderne Gott erleben. Darüber gibts n paar coole Gedanken auf youtube, die ich empfehle gesehen zu haben:
Die Moderne Christenheit hat den Fehler begangen, sich von der Welt unabhängig zu machen. Nicht nur hat sie sich abgeschottet, um in heile-Segen-Verhältnissen ihren unterschwellig selbst empfundenen Minderwert ignorieren zu können – auch hat sie sich als so weit im Reiche Gottes lebend betrachtet, dass sie die Freundschaft, das Leid, den Spaß und die Leidenschaften der Welt nicht mehr als teilenswert gewürdigt hat. Jesus macht hier ein anderes Prinzip klar: Jungs, ihr habt was zu sagen über die Kernfragen von Sinn, Gottes Interesse am Menschen und Erlösung. Sorgt für Glaubwürdigkeit, indem ihr Leute von Zwängen und Krankheiten befreit, und indem ihr in Abhängigkeit davon lebt, ob sie euch aufnehmen. Mit anderen Worten: lasst euch auf ihre Welt ein. Taucht ein in ihren Alltag! Nehmt von ihnen, dann werden sie auch von euch nehmen.
Ehrlich gesagt, ich glaube, der Missionsbefehl wär erfüllt, wenn wir das täten. Wenn wir uns auf Menschen einlassen, entsteht Beziehung. Das führt zu gegenseitigem Ernstnehmen und zu Austausch über die Dinge, die für die Beteiligten bedeutsam sind. Das hieße, dass sich Menschen, die Gott nicht mehr auf dem Schirm haben, so lange mit ihm beschäftigen, dass sie nicht ständig von seinem schwach qualifizierten Bodenpersonal abgelenkt werden. Dazu noch n Zitat aus nem Buch, das ich grad les (und außer dieser Stelle bisher bemerkenswert flach finde): „Während ich [...] im Bett liege, frage ich mich, was Gott eigentlich für mich ist.
Viele meiner Freunde haben sich schon lange von der Kirche abgewendet. Sie wirkt auf sie unglaubwürdig, veraltet, vergilbt, festgefahren, unbeweglich, geradezu unmenschlich und somit haben die meisten sich auch von Gott abgewendet. Wenn sein Bodenpersonal so drauf ist, wie muss er selbst dann erst sein… wenn es ihn überhaupt gibt! Geh mir weg mit Gott, sagen die meisten. Ich sehe das anders.
[...]
Gott ist für mich so eine Art hervorragender Film [...], mehrfach preisgekrönt und großartig!
Und die Amtskirche ist lediglich das Dorfkino [...] die Projektionsfläche für Gott. Die Leinwand hängt leider schief, ist verknittert, vergilbt und hat Löcher. Die Lautsprecher knistern, manchmal fallen sie ganz aus [...]. Man sitzt aud unbequemen Holzsitzen und es wurde nicht mal saubergemacht [...]. Viele werden rausgehen und sagen: „Ein schlechter Film.“ Wer aber genau hinsieht, erkennt, dass es sich doch um ein einzigartiges Meisterwerk handelt.“ (Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg).
Ich wünsche mir, dass die, die mit Jesus unterwegs sind, weniger Zeit damit verbringen, am Zustand des Kinos zu arbeiten. Der ist nämlich höchstens minimal zu verändern… aber in Beziehung mit Menschen zu leben, die anders drauf sind, macht peinliche Erklärungen überflüssig: wer sein Leben teilt, versteht und wird verstanden.
Ach ja: wozu jetzt der Film mit der Kleinen am Anfang? Zugegeben, der Zusammenhang ist nicht allzu offensichtlich, aber geil isses, oder?
Nu isser Präsident…
…der Obama. Das wird allerorten gefeiert und als historisches Ereignis gewertet. Hm. Weil er der erste Schwarze ist? Nicht wirklich. Vielmehr, weil er in seinem Wahlkampf die Erwartung geschürt hat, dass jetzt alles anders wird mit der amerikanischen Politik. Kaum was will er so machen wie das bisher so Tradition war bei den Staatlern. Es kostet wenig, das vorher zu versprechen. Teuer wird die Umsetzung. Ich wünsche ihm (und noch mehr mir), dass möglichst viel davon klappt, kann aber die weltweite Euphorie nicht ganz teilen. Liebe Welt, liebe Mitmenschen: das ist einer von uns, der da halbhemdig im Rampenlicht steht! Ein Mensch; einer von der Spezies, die ihren Planeten versauen, Messiase kreuzigen und den Zahnpastatubendeckel vergessen draufzuschrauben. Vielleicht ist er ja ein außergewöhnlicher Mensch; bestimmt aber ist er kein Übermensch. Und die Aufgaben, die er sich da auf die Agenda gesetzt hat, die erfordern übermenschliches. Kann uns das mal klar sein? Denn wenn wir ihn jetzt schon überfrachten mit unseren Erwartungen, dann wird er auf jeden Fall dran scheitern.
Heute wählt Amerika
… und ich hab keine Ahnung, was ich ihnen wünschen soll. Da ist ein junger Liberaler, der mit bobderbaumeisterlichen „Yes, we can do it!“-Sprüchen den Wandel, über den er inhaltlich nicht viel Worte verloren hat, beschwören will. Er kann Geschichten erzählen. Kann er auch Geschichte schreiben? Reicht das, Unzufriedenen eine Stimme zu geben, neue Hoffnung zu vermitteln und den verkappten Helden im kleinen Ottonormalamerikaner zu ehren? Vielen Amis scheints zu reichen. Ich habe Bedenken. Auch wenn der andere nicht viel mehr Inhalt von sich gibt, dafür stockkonservativ (wenn auch nicht orthodox) auf der abebbenden Welle des Weltherrschaftspatriotismus dahersurft…
Umfragen zufolge waren noch nie so viele Amis bereit zu wählen. Das mag gut oder schlecht sein. Ehrlich gesagt, mir isses völlig wurscht, wie viele Amis wählen. Ich bewundere die Bereitschaft, diese Unsummen zu sammeln, zu spenden und auszugeben, nur um die „freie“ Meinung eines Volkes mit derartiger Inhaltslosigkeit zu beeinflussen. Weniger wurscht ist mir das Ergebnis. Wen wählen die? Und wo es bei bisherigen Amiwahlen noch einfach war rauszufinden, worauf mein Herz hofft, kann ich es diesmal nicht sagen. Es war einfach nicht genügend Grundlage da. Reden der Kandidaten anhören? Vergiss es. Auf ihren homepages nachlesen? Kaum mehr Erfolg zu verbuchen; und wenn ich mir anschau, wieviel Amis die Reden hören und wieviel das Programm lesen… sprich, aus wie wenig Information sie ihre Überzeugung betonieren, da wirds mir komisch. Gut, ich muss das nicht verstehen – das is ne andere Kultur, und wegen mir dürfen die das auch. Am liebsten hätt ich ja gar keine Ahnung von ihrem Präsident, und meinetwegen könnten sie auch n König haben. Wenn sie sich dann nur nicht weltweit so einmischen täten. Nicht, dass ich das nur negativ find: immerhin haben sie mit ihrem Sendungsbewusstsein damals den Hitler in die Knie gezwungen; da bin ich ihnen sehr dankbar für. Aber mir geht es auch weniger um ihre sich selbst angemaßte Rolle der Weltpolizei. Mir geht es vielmehr darum, dass sie bezüglich ihrer Werte und ihrer Moral so verdammt expansiv denken. Jemand, auf dessem geistigen Bildschirm das Andersdenken Andersdenkender nicht vorkommt, der is mir zu heikel für so ne Rolle. Also isses doch wichtig für mich, wen sie wählen, wo ich es doch kaum beeinflussen kann. Da bleibt mir so eine unzufriedene Spannung… bald wissen wir mehr.
Weihnachtsspinnerei
So, jetzt leb ich hier in der Schweiz. In einem der wohlhabensten Länder auf diesem Planet. Das Land des Bankgeheimnisses, der schönsten Skigebiete und des Emmentaler Käses. Hier kommt Heidi her, Wilhelm Tell und Josef Ackermann. Hier sagt man noch ehrfurchtsvoll „Ihr“ statt „Sie“, hier wurde 1992 die Todesstrafe im Militärstrafrecht abgeschafft und hier darf seit Ende 1990 sogar die letzte Frau wählen. Ein Land, das über 700 Jahre für Sicherheit und demokratische Entwicklung steht. Ein Land mit einem Bruttoinlandsprodukt von 38000 € (ja, ich habs umgerechnet!), mit astronomischen Lebensmittelpreisen und Mieten, die einen mit den Ohren schlackern lassen. Kurz, ein solides, sicheres, reiches Land. Dennoch auch ein bescheidenes – man hat nicht den Eindruck, dass hier besonders geprotzt wird; vielmehr wird der Wohlstand mit Understatement gelebt. Ungesunder Ehrgeiz ist den meisten Schweizern fremd – wenn nicht, verlassen sie gerne das Land und steigen in die Führungsriege Deutscher Banken ein.
Wie läuft das mit Weihnachten in so einem Land? Spinnen die auch so wie wir Deutschen? Ja, sie spinnen. Aber nein, so wie die Deutschen nicht. Während in deutschen Supermärkten die ersten Weihnachtsmänner bereits in zu kräftiger Spätsommersonne dahinzuschmelzen drohen, tauchen sie hier ein bis zwei Monate später auf. Immer noch mindestens einen Monat zu früh… Während in deutschen Städten die Lücke zwischen sommerlichen Stadtfesten und Weihnachtsmarkt fast nicht mehr ins Gewicht fällt, gibt es hier noch weite Strecken im Kalender der Händler, die man einfach Alltag nennen kann. Das ist erholsam und schön; man hat den Eindruck, nicht so schreien zu müssen, um gehört zu werden.
Also bisher fast nix zu bemerken von weihnachtlicher Stimmung im Land (wobei das sicher nicht mehr lange Jahre so geht: Aldi Süd breitet sich hier grad aus, und wo Aldi ist, wird jede Gelegenheit auf Kommerz und Umsatz genutzt. Also wird auch in der Schweiz der badebehoste Weihnachtsmannkäufer evolutionär-selektiv bevorteilt werden. Aldi rockt halt).
Sind die Schweizer nun besinnlicher, weil sie ihr Weihnachten nicht schon ab September mit künstlich kitschiger und kommerzieller Stimulans überreizen? Schauen sie mehr auf das Kind in der Krippe als die Deutschen? Sind sie am Ende vielleicht sogar – gläubiger?
Ohne die genauen Zahlen gläubiger Menschen in auch nur einem der beiden Länder ausgemacht zu haben, würde ich dennoch klar mit NEIN voten. Die Leute beider Nationen tun schon sehr viel dafür, um sich von diesem kleinen verdreckten Bündel Mensch abzulenken, das da zur Welt kam… oder wollen sie sich nur von dem ablenken, was sie mit ihm verbinden, nämlich das ganze „du sollst nicht“ und „du darfst nicht“? Jeder auf seine Art: die Deutschen mit reizüberflutendem Kommerz, die Schweizer mit solider Beständigkeit? Eines scheint mir spürbar: hinschauen liegt weder hier noch dort im Trend. Vielleicht sollte ihnen mal jemand sagen, dass dieser Jesus anders ist. Denn das isser.