Weihnachtsspinnerei
So, jetzt leb ich hier in der Schweiz. In einem der wohlhabensten Länder auf diesem Planet. Das Land des Bankgeheimnisses, der schönsten Skigebiete und des Emmentaler Käses. Hier kommt Heidi her, Wilhelm Tell und Josef Ackermann. Hier sagt man noch ehrfurchtsvoll „Ihr“ statt „Sie“, hier wurde 1992 die Todesstrafe im Militärstrafrecht abgeschafft und hier darf seit Ende 1990 sogar die letzte Frau wählen. Ein Land, das über 700 Jahre für Sicherheit und demokratische Entwicklung steht. Ein Land mit einem Bruttoinlandsprodukt von 38000 € (ja, ich habs umgerechnet!), mit astronomischen Lebensmittelpreisen und Mieten, die einen mit den Ohren schlackern lassen. Kurz, ein solides, sicheres, reiches Land. Dennoch auch ein bescheidenes – man hat nicht den Eindruck, dass hier besonders geprotzt wird; vielmehr wird der Wohlstand mit Understatement gelebt. Ungesunder Ehrgeiz ist den meisten Schweizern fremd – wenn nicht, verlassen sie gerne das Land und steigen in die Führungsriege Deutscher Banken ein.
Wie läuft das mit Weihnachten in so einem Land? Spinnen die auch so wie wir Deutschen? Ja, sie spinnen. Aber nein, so wie die Deutschen nicht. Während in deutschen Supermärkten die ersten Weihnachtsmänner bereits in zu kräftiger Spätsommersonne dahinzuschmelzen drohen, tauchen sie hier ein bis zwei Monate später auf. Immer noch mindestens einen Monat zu früh… Während in deutschen Städten die Lücke zwischen sommerlichen Stadtfesten und Weihnachtsmarkt fast nicht mehr ins Gewicht fällt, gibt es hier noch weite Strecken im Kalender der Händler, die man einfach Alltag nennen kann. Das ist erholsam und schön; man hat den Eindruck, nicht so schreien zu müssen, um gehört zu werden.
Also bisher fast nix zu bemerken von weihnachtlicher Stimmung im Land (wobei das sicher nicht mehr lange Jahre so geht: Aldi Süd breitet sich hier grad aus, und wo Aldi ist, wird jede Gelegenheit auf Kommerz und Umsatz genutzt. Also wird auch in der Schweiz der badebehoste Weihnachtsmannkäufer evolutionär-selektiv bevorteilt werden. Aldi rockt halt).
Sind die Schweizer nun besinnlicher, weil sie ihr Weihnachten nicht schon ab September mit künstlich kitschiger und kommerzieller Stimulans überreizen? Schauen sie mehr auf das Kind in der Krippe als die Deutschen? Sind sie am Ende vielleicht sogar – gläubiger?
Ohne die genauen Zahlen gläubiger Menschen in auch nur einem der beiden Länder ausgemacht zu haben, würde ich dennoch klar mit NEIN voten. Die Leute beider Nationen tun schon sehr viel dafür, um sich von diesem kleinen verdreckten Bündel Mensch abzulenken, das da zur Welt kam… oder wollen sie sich nur von dem ablenken, was sie mit ihm verbinden, nämlich das ganze „du sollst nicht“ und „du darfst nicht“? Jeder auf seine Art: die Deutschen mit reizüberflutendem Kommerz, die Schweizer mit solider Beständigkeit? Eines scheint mir spürbar: hinschauen liegt weder hier noch dort im Trend. Vielleicht sollte ihnen mal jemand sagen, dass dieser Jesus anders ist. Denn das isser.
Martin sagte,
November 5, 2008 um 7:37
Cooler Artikel!